
Wer die Herstellkosten nicht kennt, kann den Preis nicht verantworten

//KI-Generiertes Motiv
In vielen Häusern der Konsumgüter- und Prozessindustrie kennt man Listen- und Nettopreis bis auf die SKU genau. Die Herstellkosten, auf denen dieser Preis sitzen müsste aber oft nicht. Gebucht wird stattdessen ein Standardsatz, verhandelt wird ein Konditionspaket. Was der genaue Artikel in einem Werk, bei konkreter Auslastung und mit gegebenen Schlüsseln wirklich kostet, fehlt oder kommt zu spät.
Das ist kein theoretisches Controlling-Thema, sondern ein reales Ergebnisproblem. Artikel und Kunden bleiben im Sortiment, obwohl sie unter dem notwendigen Ergebnisbeitrag liegen. Private Label verdrängen dann die Marke, ohne dass der Verdrängungseffekt in Euro sofort sichtbar wird. Pakete gelten als gewonnen, weil der Gesamtdeckungsbeitrag stimmt, während einzelne Positionen das Paket auffressen. Das Unternehmen verliert Ergebnis und weiß am Ende nicht wo.
Pricing braucht deshalb eine Herstellkostenrechnung, die zwei Dinge gleichzeitig kann: nah an den tatsächlich entstandenen Kosten sein und die genutzten kalkulatorischen Schlüssel offenlegen. Eine Zahl ohne Schlüssel ist nicht steuerbar. Ein Schlüssel ohne aktuelle Daten überzeugt weder intern noch im Handel.
These: Pricing setzt auf Herstellkosten auf. Wer die Herstellkosten nicht exakt kennt, kann Konditionen nicht verantworten
Ungenaue Sätze werden im aktuellen Umfeld teurer, nicht seltener
Kosten verschieben sich weiter, Standardrezepte und Jahresrhythmus tragen die DB-Untergrenze nicht mehr.
Nach einer Phase nachlassender Kostendynamik sind die Herstellkosten 2025 wieder spürbar gestiegen. Öffentliche Befragungen (u. a. New York Fed, März 2026) melden für das verarbeitende Gewerbe Kostensteigerungen um gut acht Prozent, Material und Vorleistungen verhalten sich ähnlich. Energie, Versicherungen und Personalnebenkosten kommen noch dazu. Die Rohstoffe sind nur noch ein Treiber unter mehreren.
Bei deutschen Produzenten bleibt der Preisdruck hoch. Discounter, Einkaufskooperationen, Eigenmarke und preissensible Konsumenten lassen kaum Spielraum. Wer Mehraufwände nicht belegen kann, gibt sie nicht weiter – er (er)trägt sie. Deshalb braucht es nachvollziehbare Kostenblöcke statt Zuschlag auf Zuschlag.
Genau dort klafft die Steuerungslücke. Standardkosten funktionieren, solange die Prognose hält. Tut sie das nicht mehr, steigen Sicherheitsaufschläge, die Kalkulation wirkt gegenüber dem Handel unglaubwürdig, intern laufen ausgewiesene Margen und Preisvarianzen auseinander. Die Deckungsbeitragsrechnung sagt dann wenig Verlässliches zu Sortiment und Kunde. Die Kosten, die für einen angemessenen Preis nötig wären, sind nicht sauber genug ermittelt.
Ein HK-Monitor antwortet auf Volatilität: kein feineres Jahresrezept, sondern der laufende Abgleich von Ist- und Soll-HK und den Konditionen beim Kunden.
Was „exakte Herstellkosten“ konkret heißt
Nicht mehr Nachkommastellen, sondern Daten, Schlüssel und ein Gerüst, das zur Auslastung passt.
Tatsächlich verursachte Kosten sind theoretisch die genaueste Basis für die Angebotsbildung. Praktisch kommt reines Actual aber oft zu spät, ist zu teuer oder passt nicht zur Bestandsbewertung. Die Lösung heißt deshalb nicht „alles actual“, sondern ein bewusstes Gerüst: volatile Blöcke (Rohware, Energie, Umschließung) so nah wie möglich am Ist; stabile Blöcke (etwa Tariflohn) im Standard. Jeder Allokationsschlüssel ist dokumentiert, versioniert und hat einen Owner.
Drei Dinge müssen gleichzeitig stimmen:
- Die Daten: Neben korrekten Stücklisten müssen Ausbeute, Ausschuss, Energie, Maschine, Lohn und Stundenerfassung aus aktuellen Daten kommen, nicht aus dem Budget.
- Die Schlüssel: Wer nicht erklären kann, warum dieser Cent auf diesem Artikel liegt, kann den Preis im Handel nicht verteidigen.
- Das Kostengerüst: Vollkosten oder DB2 ist keine Firmendogmatik, sondern folgt dem Geschäft, zum Beispiel der Werksauslastung.
Eine Artikelpreisung braucht drei Sichten: Plan, Ist und eine Profitabilitätsgrenze. Wer nur eine Zahl hat, kann nicht monitoren.
Vollkosten oder DB2: die Auslastung entscheidet über das Gerüst
FMCG: bei Vollauslastung Vollkosten, bei skalierbarer Kapazität besser nach DB2.
Herrscht Vollauslastung, verdrängt jede zusätzliche Menge anderes Geschäft. Dann ist die relevante Kostenbasis die Vollkostenrechnung. Marke ist in dieser Lage typischerweise das bessere Geschäft als das Private Label: Die knappen Kapazitäten müssen jene Artikel tragen, die nach Vollkosten den höheren Beitrag liefern. Eine PL-Listung unter Vollauslastung ist kein Volumengewinn, sondern ein Ergebnisverlust, leider zu oft erst zu spät sichtbar.
Lassen sich Kapazitäten skalieren z.B. durch freie Linie, Saisonlöcher, zuschaltbare Schichten, dann liegt der sinnvolle Fokus auf den Kosten bis zum DB2 (direkte und indirekte Kosten). Dann ist Produzieren und Auslasten wirtschaftlich richtig, auch wenn das absolute Ergebnis dünn bleibt. Die Untergrenze verschiebt sich: auslasten ja, aber Pflicht bleibt: kein negativer DB2 auf den einzelnen Artikeln.
Ein negativer Artikel-DB2 ist nur akzeptabel, wenn er bewusst und aus strategischer Notwendigkeit in Kauf genommen wird, weil z.B. ein Artikel in einem größeren Paket mitverhandelt wird, das insgesamt genug Beitrag liefert, um attraktiv zu sein. Genau dann werden echte Herstellkosten aber nicht entbehrlich, sondern zwingend. Sonst subventioniert das Paket unsichtbare Verlustbringer und niemand kann sagen, welcher Artikel zum Ergebnis beiträgt, und welcher auffrisst.
Ein Konzernmittelwert über volle und leere Werke mischt diese Betrachtung. Der Monitor muss den Satz der aktuellen Auslastung zeigen, nicht den der letzten Budgetrunde.
Faustregel: Vollauslastung = Vollkosten und Marke vor PL. Skalierbare Kapazität = DB2, negativ nur im tragenden Paket.
Marke, Private Label und das Konditionspaket
Ohne echte HK bleibt der Verlustbringer im Paket und die Listung gilt als Erfolg.
Im Jahresgespräch mit dem LEH zählt nicht die Eleganz der Kalkulation, sondern ob der Basispreis zur Lage passt und belegbar ist. Werk voll: kein Deal unter Vollkosten, Marke vor PL. Kapazität frei: auf DB2 auslasten, einzelne Artikel nicht ins Negative ziehen. Paket: Mitläufer nur, wenn der Träger den Beitrag wirklich hält.
Zwei Monitore, eine Kostenwahrheit
Der HK-Monitor sagt, was der Artikel kostet. Der Pricing-Monitor sagt, ob der Vertrag das hergibt.
Der Herstellkosten-Monitor führt je Artikel und Werk die drei Sätze Plan, Ist und Profitabilität. Abweichungen zerlegt er nach Treibern: Material, Ausbeute, Energie, Fertigung und etwaigen Schlüsseln. Der Takt hängt am Produktions- und Saisonkalender: so nah wie möglich am Punkt höchster Kostentransparenz, idealerweise am oder kurz vor Produktionsstart der Kampagne. Ob Vollkosten oder DB2 gilt, folgt der aktuellen Auslastung und steht im Monitor, nicht in einer Fußnote.
Der Pricing-Monitor hält dieselbe Basis gegen den realisierten Nettoerlös: Kondition, Staffel, Nebenleistung, Klausel. Er prüft, ob Index- und Gleitklauseln noch zu den Ist-HK passen und ob ein Artikel im Kundenpaket Träger oder Mitläufer ist. Kommt es zu erkennbaren Abweichungen, dann wird handeln zur Pflicht. Die zulässigen Antworten: halten, nachverhandeln, Aktion stoppen, auslisten oder ersetzen. Abweichung ohne Handlung ist ein Bericht, kein Monitor.
Beide Sichten teilen Schlüssel und Artikelstamm. Getrennte Welten zwischen Controlling (kalkuliert) und Vertrieb (verhandelt) sind der häufigste Grund, warum Ergebnis verschwindet, ohne dass es einer Entscheidung zuzuordnen ist.
Kalkulation besitzt den Satz. Vertrieb besitzt den Preis. Der Monitor besitzt die Abweichung und die Voraussetzung für eine Handlung.
Schlüssel müssen erklärbar sein – sonst ist der Preis nicht verteidigbar
Transparenz ist die Voraussetzung für Glaubwürdigkeit im Jahresgespräch.
Ein Sicherheitsaufschlag im Preis ersetzt keine offene Allokation. Gegenüber dem Handel wirkt er wie eine unglaubwürdige Fortschreibung. Intern verdeckt er, welcher Block wirklich getrieben hat. Risiko und Strategie gehören deshalb nicht in die HK, sondern in einen eigenen, sichtbaren Block.
Vom Produktionskalender in die Angebotskalkulation – und danach nicht aufhören
HK so nah wie möglich am Produktionsstart bereitstellen, nach Vertragsabschluss gegen den Netto halten.
Zum Produktionsstart ist die Kostentransparenz am höchsten. Die HK-Berechnung gehört deshalb so nah wie möglich an diesen Punkt, idealerweise fest im Saison- bzw. Produktionskalender. Der Angebotsprozess im Vertrieb startet jedoch oft früher. Wer dann mit Vorjahres- oder Budget-HK kalkuliert, erzeugt überhöhte Risikoaufschläge oder still unterzeichnete Verlustgeschäfte.
Das ist kein Controlling-Alleinprojekt. Einkauf (Preise, Kontrakte, Rabatte), Produktion (wann, wo, welche Menge), SCM (Verfügbarkeit, Erfüllung) und Vertrieb (Kunde, Kondition, Paket) müssen dieselben Parameter bedienen. Isolierte Bereiche addieren ihre Unsicherheit und Unsicherheit wird bepreist. Das macht dann Angebote unglaubwürdig oder unprofitabel.
Nach Vertragsabschluss beginnt der Monitor erst richtig. Ist-HK gegen Nettoerlös, Klauseln gegen aktuellen Treiber, Paket gegen Träger und Mitläufer. Ein 14-Tage-Takt für Ausreißer und eine monatliche Brücke zwischen Kosten und Erlös reichen; ein weiteres Gremium eher nicht. Eine Eskalation, ein Owner, eine Handlungsliste. Unten: vom isolierten Ist zum E2E-Prozess über Controlling, Einkauf, SCM, Produktion und Vertrieb.
Ziel: Zu jedem relevanten Angebot und jeder laufenden Kondition ist klar, welcher Berechnungsbasis gilt und warum.
Was zuerst stehen muss
Nicht das ganze Portfolio. Ein belastbares Gerüst, offene Schlüssel und erste Handlungen.
Erstens das Kostengerüst festlegen: Vollkosten bei Vollauslastung, DB2 bei skalierbarer Kapazität, negativer Artikel-DB2 nur im tragenden Paket. Die Regel schriftlich festhalten, inklusive dessen, was bewusst nicht vereinfacht werden darf.
Zweitens die Daten und Schlüssel auf einem überschaubaren Cluster öffnen: typischerweise einige Dutzend SKUs über Marke und Private Label, mindestens ein Werk, die relevanten Handelskunden, zugehörige Stücklisten und deren Ist-Allokationen. Ohne diesen Ausschnitt bleibt der Monitor eine Architekturfolie.
Drittens ein erster Lauf mit Handlung, nicht mit Ampeln: konkrete Nachverhandlungs-, Klausel- oder Auslistungsfälle für das nächste Gespräch. Erst wenn dieser Lauf ein Entscheidungsgremium verändert hat, lohnt die Verbreiterung aufs Sortiment.
Konzept, Prozess und System können parallel laufen. Inhalt des Konzepts ist der Monitor, nicht die einmalige Neukalkulation.


