FINMA-Aufsichtsmitteilung 05/2026 drängt zur Umsetzung: Jetzt die PQC-Roadmap aufsetzen

VonYannick Hänggi,Samuel Egger
Lesedauer: 4 MinutenBanken, Artikel
Auf einen Blick

Mit ihrer Aufsichtsmitteilung 05/2026 vom 9. Juli 2026 zeigt die FINMA auf, wie die bestehenden Anforderungen an Governance, operationelle Risiken und Resilienz auf quantenbedingte kryptografische Risiken anzuwenden sind. Die FINMA empfiehlt sämtlichen Schweizer Finanzinstituten bis spätestens Mitte 2027 eine PQC-Roadmap zu entwickeln. Dafür braucht es die Unterstützung von Verwaltungsrat und Geschäftsleitung, eine funktionsübergreifende Mobilisierung, Transparenz über Geschäftsprozesse und eingesetzte Kryptografie sowie eine priorisierte Migrationsplanung hin zu quantensicherer Kryptografie sowie perspektivisch Kryptoagilität.

FINMA macht Quantenrisiken zur Managementaufgabe

Die FINMA-Aufsichtsmitteilung 05/2026 vom 9. Juli 2026 zu Quantum Computing sendet ein klares Signal an den Schweizer Finanzsektor. Die Risiken der Post-Quantum-Cryptography (PQC) sind längst kein Zukunftsthema mehr. Sie entwickeln sich zunehmend zu einer Herausforderung in den Bereichen Unternehmensführung, Resilienz und Cyber-Risikomanagement.

Wie bereits in einem früheren Artikel von Horn & Company zum Thema Quantencomputing und Geschäftsmodellanalyse erörtert, wirkt sich diese Technologie sowohl auf zukünftige Chancen als auch auf die heutigen Sicherheitsannahmen aus. Vor dem Hintergrund der jüngsten Mitteilung der FINMA stellt sich für das Management nun die dringende Frage, ob das Bewusstsein für die Risiken der Post-Quantum-Kryptografie (PQC) bereits in einen praktischen Fahrplan für die PQC-Sicherheit umgesetzt wurde.

Die Umfrageergebnisse der FINMA zeigen hier eine deutliche Lücke. Von November 2025 bis Januar 2026 befragte die FINMA 60 Schweizer Finanzinstitute. Über zwei Drittel gehen davon aus, dass quantenbezogene Cyberrisiken innerhalb von sieben Jahren für ihr Institut unmittelbar relevant werden. Rund zwei Drittel der Befragten erwarten zudem, dass ein kryptografisch relevanter Quantencomputer RSA-2048 innerhalb von 24 Stunden knacken könnte. Dieselben Befragten erwarten, dass die dafür erforderliche Technologie spätestens in zehn Jahren verfügbar sein wird. Gleichzeitig stehen die meisten Institute noch am Anfang des Wandels. Laut FINMA haben 72% noch keine konkreten Massnahmen für die PQC-Sicherheit geplant oder ergriffen. Die verbleibenden 28% lassen sich in zwei Gruppen unterteilen. 8% haben strategische Entscheidungen auf Geschäftsführungs- oder Verwaltungsratsebene getroffen. 20% geben an, dass ein entsprechendes Projekt bereits läuft.

Hier liegt der zentrale Widerspruch: Das Bewusstsein ist vorhanden, doch ein strukturiertes Vorgehen fehlt in den meisten Fällen noch.

“Harvest now, decrypt later” macht das Risiko bereits heute relevant

Das Quantenrisiko tritt jedoch nicht erst dann ein, wenn ein kryptografisch relevanter Quantencomputer verfügbar wird. Im Rahmen eines „Harvest Now, Decrypt Later“-Szenarios (HNDL) können Angreifer bereits heute verschlüsselte Daten sammeln und diese so lange aufbewahren, bis es ihnen dank quantenbasierter Fähigkeiten gelingt, die für die Verschlüsselung verwendeten Mechanismen zu knacken. Dies ist insbesondere für Finanzinstitute relevant, die Informationen verwahren, die über viele Jahre hinweg vertraulich bleiben müssen.

Institutionen sollten daher Daten identifizieren, deren erforderliche Schutzdauer in Verbindung mit der erwarteten Vorlaufzeit für die Migration über den plausiblen Zeitpunkt der Einführung eines kryptografisch relevanten Quantencomputers hinausreichen könnte. Potenziell gefährdete Bestände und Prozesse müssen für eine Migration entsprechend priorisiert werden.

Quelle: Bild durch Autoren erstellt
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Es ist jedoch wichtig zu beachten, dass der Übergang zur quantensicheren Kryptografie nicht zwangsläufig eine sofortige, umfassende Umstellung aller Informationsressourcen und kryptografischen Verfahren von der klassischen Kryptografie auf PQC erfordert. Bei kritischen Systemen können Institutionen zunächst bewährte Kryptografie mit neuen PQC-Verfahren kombinieren. Dies kann das Übergangsrisiko verringern, auch wenn der Betrieb der Systeme dadurch möglicherweise komplexer wird. Das US-amerikanische National Institute of Standards and Technology (NIST) hat die ersten Standards für PQC veröffentlicht. Dazu gehören ML-KEM für den sicheren Austausch von Verschlüsselungsschlüsseln sowie ML-DSA und SLH-DSA für digitale Signaturen. Institutionen sollten anhand der Bedeutung der Daten, der Bereitschaft ihrer Systeme und der verfügbaren Unterstützung durch Technologieanbieter prüfen, wo und wann sie diese einsetzen sollten.

FINMA empfiehlt eine Roadmap bis spätestens Mitte 2027

Angesichts der Dringlichkeit des Themas empfiehlt die FINMA den Instituten, ihre Umstellung auf quantensichere Kryptografie auf eine Strategie zu stützen, die von ihrem obersten Leitungsgremium genehmigt wurde. Diese Strategie sollte einen Umsetzungsplan mit klaren Meilensteinen, Prioritäten und Zielterminen für die Umstellung kritischer Geschäftsprozesse festlegen. Die FINMA schlägt ausdrücklich vor, eine solche PQC-Roadmap bis Mitte 2027 zu entwickeln.

Damit wird PQC zu einem Managementthema und nicht nur zu einer Aufgabe der Sicherheitsabteilung. Unserer Ansicht nach benötigen Institute die Unterstützung auf Vorstandsebene und klare Verantwortlichkeiten, bevor die technische Planung in die Tat umgesetzt werden kann. Entscheidungsbefugnisse, Zuständigkeiten und Eskalationswege müssen über die Bereiche Business, Risk, Legal, Compliance, IT, Cybersicherheit und Procurement hinweg definiert werden.

Die Roadmap selbst sollte auf zwei Grundlagen aufbauen: einer Übersicht über kritische Informationsressourcen und -flüsse sowie einem kryptografischen Bestandsverzeichnis, aus dem hervorgeht, welche kryptografischen Verfahren wo eingesetzt werden. Nur durch die Kombination beider Perspektiven können Institute ermitteln, welche Prozesse vorrangig behandelt werden müssen, wo quantenanfällige Abhängigkeiten bestehen und welche externen Anbieter frühzeitig einbezogen werden müssen.

Eine PQC-Roadmap basiert auf Transparenz

Gemeinsam mit qubit-lab.ch und Adnovum unterstützt Horn & Company Institutionen bei diesem Wandel. Unser Ansatz setzt die Erwartungen der FINMA in einen strukturierten Management- und Umsetzungsplan um.

Der Ausgangspunkt bildet die Mobilisierung. Die Schaffung eines gemeinsamen Verständnisses der quantenbezogenen Risiken ist eine Voraussetzung dafür, die relevanten Funktionen aufeinander abzustimmen, Verantwortlichkeiten zuzuweisen und die für die Steuerung der Migration erforderliche Governance zu etablieren. So wird sichergestellt, dass PQC nicht als isolierte Bestandsaufnahme behandelt wird, sondern als funktionsübergreifendes Resilienzprogramm.

Der nächste Schritt umfasst den Aufbau der Transparenz. In einem gemeinsamen Ansatz mit unseren Partnern bewerten wir die kryptografischen Methoden, die in Systemen, Anwendungen, der Infrastruktur, bei Signaturen, der Authentifizierung und im Key Management zum Einsatz kommen. Parallel dazu analysieren wir Geschäftsprozesse und Informationsressourcen hinsichtlich der Anforderungen an Vertraulichkeit, Integrität und langfristigen Schutz.

Der entscheidende Schritt besteht darin, beide Sichtweisen miteinander zu verknüpfen. Eine kombinierte Bestandsaufnahme von Geschäftsabläufen und kryptografischen Elementen bildet die Grundlage für eine Priorisierungsmatrix, die verdeutlicht, welche Ressourcen am kritischsten sind, welche kryptografischen Abhängigkeiten am stärksten gefährdet sind und wo die Migration beginnen sollte. Das Ergebnis ist eine pragmatische PQC-Roadmap mit klaren Prioritäten, Governance-Anforderungen und Umsetzungsschritten.

Quelle: Bild durch Autoren erstellt
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Von der Roadmap zur Krypto-Agilität

Die FINMA-Umfrage zeigt, dass viele Schweizer Institute das Thema zwar kennen, es jedoch bislang nur wenige in eine kontrollierte Managementagenda umgesetzt haben. Genau hier liegt die grosse Lücke.

Eine glaubwürdige PQC-Roadmap muss die Verantwortung auf Geschäftsebene, Cyber-Expertise, IT-Architektur, Procurement sowie Legal-, Risk- und Compliance-Aspekte miteinander verknüpfen. Sie muss ermitteln, welche Vermögenswerte zuerst quantensicher werden müssen, wo anfällige Kryptografie zum Einsatz kommt, welche Dritten beteiligt sind und welche Migrationsschritte nacheinander durchgeführt werden müssen, bevor der «Q-Day» erreicht ist – der Zeitpunkt, an dem Quantencomputer die heute gängigen Verschlüsselungen knacken können.

Doch die Roadmap ist nur der erste Schritt. Das langfristige Ziel ist Krypto-Agilität: die Fähigkeit, kryptografische Algorithmen flexibel zu ersetzen, wenn sich Standards weiterentwickeln, Schwachstellen auftreten oder die heute sicheren Algorithmen erneut ausgetauscht werden müssen. Für Schweizer Finanzinstitute ist PQC-Sicherheit daher kein einmaliges Migrationsprojekt. Sie beschreibt eine neue Fähigkeit für widerstandsfähiges, zukunftssicheres digitales Vertrauen.

Quellen
  • (1) https://www.finma.ch/en/news/2026/07/20260709-mm-am-05-26/
  • (2) https://csrc.nist.gov/pubs/fips/203/final
  • (3) https://csrc.nist.gov/pubs/fips/204/final
  • (4) https://csrc.nist.gov/pubs/fips/205/final

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